Photography is now over – oder leben Totgesagte doch länger?

Vor kurzem bin ich auf Pinterest über einen Artikel des Guardian gestoßen. Obwohl er schon etwas älter war, was im Grunde unwesentlich ist, konnte er sich meiner Aufmerksamkeit aus zwei Gründen gewiss sein: Wim Wenders und Polaroids! 

Polaroids und Sofortbilder an sich sind ja schon eine coole Sache. In Kombination mit Wim Wenders wird das ganze genial. Und wer sich jetzt fragt, okay, Polaroid mit den Sofortbildkameras kenn ich ja gerade noch aber wer ist dieser Wim Wenders, dem empfehle ich, sich sofort den Film Himmel über Berlin (1987) des deutschen Filmemachers und Fotografen anzusehen. Den Trailer könnt ihr euch auf Youtube ansehen, der ganzen Film ist zum Beispiel auf Amazon erhältlich. (Tipp von mir: unbedingt alleine ansehen, damit ihr ganz darin eintauchen könnt!)

Wim Wenders: Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Fotograf (Foto: Peter Lindbergh, 2015)

Wenders gilt als Vorreiter des Neuen Deutschen Films, der auch internationale Bekanntheit mit Filmen wie The Million Dollar Hotel (2000) erlangte. Seine Dokumentarfilme Buena Vista Social Club (1999) oder auch Das Salz der Erde (2014) wurden alle für einen Oscar nominiert.

Neben seinen filmischen Werken lohnt es sich, einen Blick auf sein fotografisches Schaffen zu werfen. Denn von Anfang an war die Fotografie ein Teil seines kreativen Schaffens und begleitete ihn während der Vorbereitungen zu seinen Filmen. 

Und genau darum ging es auch in jenem Artikel – konkret um seine Ausstellung Instant Stories 2. Da ich die Ausstellung 2018 in Berlin besucht hatte und seitdem begeistert von seinen Bildern bin, wollte ich natürlich alles wissen. Allerdings titelte der Artikel bereits ein Zitat von Wim Wenders, das nichts gutes verhieß; denn Wenders war der Ansicht, dass die Fotografie tot sei. 

Dabei war die Fotografie und insbesondere Polaroids, wie schon erwähnt einst nicht unwesentlich für seine Arbeiten. In den 1970er Jahren hatte er mehr als 12.000 der legendären Sofortbilder gemacht. Sie dienten ihm als visuelle Notizen für seine Filmrecherchen und zeigten Orte an denen er reiste, Hotels, Highways, Wüsten und neben Selbstporträts auch Bilder von Menschen, die er unterwegs traf. Viele davon hat er sofort wieder verschenkt, da das Spannende an ihnen die Geschichten sind, die zu ihrer Entstehung führten (daher kommt auch der Titel der Ausstellung, Instant Stories) und es nicht um die Bilder an sich ging. Deswegen sind heute nur mehr ungefähr 3.500 Bilder erhalten. Und obwohl er sich selbst in erster Linie nicht als Fotograf verstand, war die Kamera für eine gewisse Zeit so selbstverständlich in seinem Leben wie essen, trinken, rauchen (ja, das waren die 70er) oder Zähne putzen. 

Das war auch der Grund warum er zögerte seine Zustimmung zur Ausstellung zu geben. Aber dann erinnerte er sich, dass es um die Stories hinter den Bildern ging. Die Bilder entstanden damals aus den Situationen heraus, aus einem Bauchgefühl, oft verwackelt, nicht richtig fokussiert oder nicht perfekt in ihren Kompositionen; und dennoch sind es Dokumente einer vergangenen Ära, sie vermitteln die Stimmung und den Zeitgeist einer Epoche – und erzählen uns Geschichten, wie etwa jene als er mit der mittlerweilen bekanntesten Porträtfotografin Amerikas,  Annie Leibovitz einen Road Trip nach Los Angeles unternahm, oder eine Gruppe nach dem Attentat auf John Lennon trauert. 

Geschichten aus der Vergangenheit, einer Vergangenheit, der, seiner Meinung nach auch die Fotografie angehört, wie er in dem Interview erörtert: 

“It’s not just the meaning of the image that has changed – the act of looking does not have the same meaning. Now, it’s about showing, sending and maybe remembering. It is no longer essentially about the image. The image for me was always linked to the idea of uniqueness, to a frame and to composition. You produced something that was, in itself, a singular moment. As such, it had a certain sacredness. That whole notion is gone.”


Das sitzt. Und stimmt mich nachdenklich. Drei Monate nachdem John Lennon von dem geistig verwirrten Mark Chapman im Dezember 1980 in New York erschossen wurde, kam ich auf die Welt. Ich wuchs in einer Welt auf, in der Fotografie noch analog war aber die ersten Videospiele bereits Einzug in die Haushalte hielten. Ich lernte den Umgang mit der Kamera manuell und mit Film und belichtete Fotos in der Dunkelkammer in der Schule im Freifach Kunst. Und ich sah, wie sich die Fotografie im Zuge der Digitalisierung veränderte. 

Opatija, Kroatien, 2018 (Fuji Instax)

Vor meinem inneren Auge lasse ich meine ersten fotografischen Versuche im Urlaub in der Schweiz mit Omas Kamera Revue passieren, erinnere mich an meine erste digitale Kamera und wie enttäuscht ich über ihre Ergebnisse war und so lange bei meinen Filmrollen blieb, bis ich genug Geld hatte um mir eine “ordentliche” digitale Spiegelreflexkamera leisten zu können. Ich versuche Wim Wenders zu verstehen, bin mir nicht sicher, ob meine Erfahrung “reicht” um seine Aussage im Ganzen zu begreifen. Ja, die Fotografie hat sich seit der Digitalisierung von Grund auf verändert. 

Heute sind wir von einer visuellen Flut umgeben, von der vor zehn Jahren niemand zu träumen wagte. Bilder, und damit auch die Fotografie, sind 2020 von einer derartigen Bedeutung, die weder Unternehmen mit ihren Marken noch Influencer und Blogger und selbst der Terrier mit eigenem Instagram Account weder ignorieren noch leugnen können. Heutzutage werden sogar Marketing Managern Photoshop Kenntnisse abverlangt.  

Auch das Nutzungsverhalten hat sich geändert. Fotografie ist nicht nur allgegenwärtig, sie ist auch jederzeit verfügbar. Noch nie hatten so viele Menschen Zugang zur Fotografie und zu unzähligen Features (Korrekturen,Filter etc.), die es früher nur in der Dunkelkammer gab und ein solides technisches Wissen voraussetzten. Diverse Filter und automatische Korrekturen sowie künstliche Intelligenz machen die Fotografie zu einem Instrument, in der es ein leichtes ist, Momente festzuhalten.  

Fotos werden mittlerweilen fast schon inflationär eingesetzt. Warum also sollte die Fotografie vorbei sein? Sie scheint lebendiger denn je zu sein. 

Aber haben die Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre zu einer Erweiterung der Fotografie geführt, so dass es genügt, wenn wir zwischen analoger und digitaler Fotografie unterscheiden oder bedarf es tatsächlich einer neuen Terminologie wie es Wim Wenders im Guardian Artikel fordert:        

 “The culture has changed. It has all gone. I really don’t know why we stick to the word photography any more. There should be a different term, but nobody cared about finding it.”


Tatsächlich ist es schwer die Fotografie zu definieren oder ihr eine Bedeutung zuzuordnen. Sie bietet unterschiedliche Zugänge von nüchtern bis künstlerisch an und bildet so viele Bereiche des Lebens ab, das sie schwer zu fassen macht. 

Oder ist uns am Ende durch die Digitalisierung der ursprünglichen Spirit der Fotografie abhanden gekommen? Wim Wenders spricht ebenfalls von einem Verlust.

Und jeder, der schon mal mit Film fotografiert hat oder Instant Fotografie probiert hat, weiß, dass es komplett anders als digital ist. Etwas, dass sich nur schwer in Worte kleiden lässt; es ist ein Gefühl, ein Bewußtseinszustand. 

Klopeiner See, Österreich, 2017
(Fuji Instax)

Die digitale Fotografie hat das Analoge aus dem Alltag verdrängt. Die analoge Fotografie ist zu einer Kunstform geworden; einem Lifestyle, einem Statement gleich. Was sie zu etwas Besonderem macht. In einer Welt, in der die Fotografie wie Fast Food konsumiert werden kann – schnell, billig und allgegenwärtig- ist die analoge Fotografie wie ein Besuch in einem besonders tollen Restaurant, das man sich nicht jeden Tag gönnt, und auf das man sich schon tagelang im voraus freut. 

Ausstellungen wie Instant Stories von Wim Wenders lassen den Geist wieder aufleben und inspirieren 40 Jahre später immer noch Menschen wie mich, die vielleicht ein wenig zu jung sind um ihn bewusst erlebt zu haben. Solange es diese Momente der Inspiration gibt, stehen die Überlebenschance für die Fotografie jedenfalls gut.  


Florenz, Italien, 2017 (Fuji Instax)

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