Inspiration und Einfluss – oder die Frage nach der eigenen Entwicklung in der Fotografie

Die vergangenen Wochen haben mir viel Zeit gelassen um mich aufgeschobenen Foto-Projekten zu widmen. Bereits seit einigen Monaten stand auf meiner to-do Liste ein Online Learning Course von Magnum. Die bekannte Foto-Agentur, die seit Jahrzehnten Maßstäbe in der Fotografie setzt, bietet seit kurzem Online Kurse an. So kann man bereits seit Oktober letzten Jahres Einblicke in Street Photography bekommen; und im Mai startete ein Kurs über Dokumentarfotografie. Für mich war aber sofort klar, dass meine Wahl auf Alec Soth’s Photographic Storytelling fallen würde. Der aus Minnesota, USA, stammende Magnum Fotograf beeindruckt immer wieder durch seine Serien, in denen er das amerikanische, vor allem ländliche, Leben mit poetischen, melancholischen Bildern dokumentiert. Internationale Bekanntheit erreichte er spätestens 2004 mit seiner Publikation Sleeping by the Mississippi.

Zudem findet aktuell im Kunst Haus Wien die Ausstellung Alec Soth. Photgraphy is a language noch bis 30.08. statt. 

Also nutzte ich die Gunst der Stunde, meldete mich an und begann mit den Lessons, die in kleinen, handlichen Häppchen in Form kurzer Videos daher kommen. Für mich war es immer schon am spannendsten zu erfahren, wie (Foto)künstler und Künstlerinnen an ihre Projekte herangehen, wie sie ihre Serien gestalten: Kurz wie der rote Faden einer Geschichte gespannt wird. Aber darum soll es hier nicht gehen. Viel mehr möchte ich hier auf einen Aspekt der Ideen- und Geschichtenfindung eingehen, der meist unterschwellig arbeitet und der wir uns gar nicht bewusst sind, wenn wir inspiriert auf die Suche nach neuen Themen gehen: unseren Einflüssen.  

In einen der Lessons berichtet Soth nämlich von seinen eigenen Inspirationsquellen und Einflüssen, die ihn (über Umwegen) zur Fotografie brachten. Nicht selten waren dies Künstler und Künstlerinnen, die in erster Linie nicht direkt in Verbindung mit der Fotografie standen.  

Schließlich forderte er die Teilnehmer auf, sich ebenfalls Gedanken darüber zu machen und eine Liste mit 5 Einflüssen zu erstellen. Dabei sollte es sich nicht um FotografInnen oder Fotos handeln, sondern außerhalb davon, etwa ein Comicbuch, Schallplatten oder ein Videospiel. Anschließend wurden wir dazu eingeladen uns Gedanken darüber zu machen, wie diese Dinge in Verbindung zueinander stehen und in welcher Art und Weise sie unser fotografisches Schaffen beeinfluss(t)en.  

Diese auf den ersten Blick einfach zu bewältigende Aufgabe, brachte mich jedoch schnell ins Grübeln. Natürlich gab es einen ganzen Haufen an Filmen und Songs, die mich im Laufe der Zeit auf die eine oder andere Weise beeinflusst hatten – aber taten sie es auch fotografisch? Etwa so, wie wenn ich eine Fotoausstellung besucht hatte? Ich weiß ja nicht wie es bei euch ist, aber ich empfinde nach einem Besuch in einer Galerie, bei Retrospektiven oder Ausstellungen bekannter Fotografen und Fotografinnen danach immer den drängenden Impuls in der Sekunde meine Kamera zu schnappen, loszulaufen und neue fotografische Werke zu schaffen. Eine Freundin, die als Fotografin beruflich tätig ist, beichtete mir einmal, dass sie nach dem Anblick großer Meisterfotografien immer eingeschüchtert ist und am liebsten eher das Gegenteil von dem machen würde wie ich, nämlich ihre Sachen packen, gehen und nie wieder eine Kamera angreifen. Natürlich empfinde ich auch Ehrfurcht und tiefsten Respekt gegenüber den Eliott Erwitts und Helmut Newtons dieser Welt. Aber viel mehr noch inspirieren sie mich; fordern mich auf über mich hinauszuwachsen, weiterzugehen und besser zu werden. Sie beeinflussten mich bestimmt in meinem fotografischen Tun und waren eindeutig dafür verantwortlich, dass ich eine Phase hatte, in der ich fast nur schwarz-weiß Fotos machte, oder nur Teleaufnahmen, abgelöst von einer Periode extensiver Nutzung meines Weitwinkelobjektivs.  

Verschiedene Einflüsse finden sich in der Bildsprache und der Komposition wieder.
Sportplatz, Baden, 2020

Diese Einflüsse lassen sich mehr oder weniger eindeutig bestimmen, sind jedoch unbestritten. Jeder fotografisch Interessierte wird sich rückblickend dabei ertappt haben, dass er oder sie, bewußt oder unbewußt, den Stil eines bekannten Fotografen oder einer Fotografin nachgeahmt hat. Auf dem Weg zur eigenen Handschrift und bei der Entwicklung eines eigenen Stils ist es wohl unumgänglich, sich an seinen Vorbildern zu orientieren. Nachahmung als höchste Form der Anerkennung, um Oscar Wilde zu zitieren, aber auch als Teil im Prozess sich selbst zu finden. Die Auseinandersetzung mit den Werken und Techniken anderer Künstler und Künstlerinnen ist wesentlich um sich weiterzuentwickeln. 

Und genau hier geht Alec Soth noch einen Schritt weiter und fragt, was mich maßgeblich außerhalb der Fotografie beeinflusst hat. Und wo finden sich dabei Zusammenhänge?  

Ich muss zugebe, dass ich an dieser Stelle bei den fünf Punkten auf meiner Liste keine Verbindung finden konnte : 

  1. Natur 
  2. Wes Anderson 
  3. Egon Schiele & Gustav Klimt (die Jugendstilmaler verbinden mich auf eine unbeschreibliche Art und Weise direkt mit Kunst) 
  4. Biografien (ich liebe es herauszufinden, wie außergewöhnliche Menschen ihren Weg im Leben fanden oder immer noch finden und versuche immer ein Muster zu finden) 
  5. die 80er (als Kind der Achtziger-Jahre kann ich das unmöglich leugnen, und es erklärt meine Leidenschaft für die Fernsehserie “Stranger Things”) 

Wer hier den roten Faden oder ein Muster findet, möge sich bitte bei mir melden, denn mir ist es nicht gelungen.  

Aber vielleicht geht es auch gar nicht darum. Denn im Grunde sind wir permanent Einflüssen ausgesetzt, sei es die Zeit oder die Stadt und das Land in dem wir leben, unsere Familien, Freunde, die Medien, die Gesellschaft. Niemand lebt nur für sich. Und so sind wir ständig Einflüssen ausgesetzt, die wir mehr oder weniger bewußt in unserer künstlerischen Arbeit verarbeiten. Sei es die Vergangenheit, die Kindheit, die aufgearbeitet wird oder ein möglicher Blick in die Zukunft, eine Sehnsucht. Und hier kommt der springende Punkt, denn jeder tut dies auf seine ganz persönliche Art und Weise. Verbindet seine Einflüsse, die ihn am meisten inspirieren anders als der Mensch neben ihn. Viele Leute sind in den Achtzigern in Österreich aufgewachsen und lieben die Filme von Wes Anderson. Und dennoch setzt niemand diese Einflüsse auf die gleiche Weise um wie ich, jeder verbindet sie unterschiedlich und schafft damit etwas neues. Etwas, das vorher noch nicht da war. Und entwickelt so seinen eigenen Stil, seine persönliche Note und schafft vielleicht gerade dadurch einen neuen Blickwinkel auf althergebrachtes oder setzt so seine Kunst in Kontrast zu Bewährtem. So entstehen Ideen, neue Projekte, neue Geschichten, die erzählt werden wollen. 

Zu diesem Bild der Mohnblumen im Feld haben mich die Arbeiten von Gerd Ludwig inspiriert.
Feld mit Mohnblumen, Bad Vöslau, 2020

„Nachahmung ist die höchste Form der Anerkennung“, da hat Oscar Wilde schon recht. Recht hat aber auch Arthur Schopenhauer wenn er sagt „Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt.“ Und wenn man in seiner eigenen, anderen Welt durch inspirierte Nachahmung etwas schafft, was vertraut ist und vorher dennoch nicht da war: Dann ist genau das der Moment in dem eine kreative Entwicklung stattfindet.

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