Inspiration – Faszination – Leidenschaft: Ein Workshop mit Gerd Ludwig

Ein Workshop mit Gerd Ludwig oder die Frage: Was braucht ein gutes Bild um gut zu sein? 

Vergangenes Wochenende war der angesehene Fotograf Gerd Ludwig im Rahmen des LaGacilly-Baden Fotofestivals in Baden zu Gast. 

In seinen über 25 Jahren, die er für National Geographic tätig ist, hat er sich v.a. für seine Reportagen in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion einen Namen gemacht. Seine Fotoserien über die Folgen der Atomkatastrophe in Chernobyl zählen wahrscheinlich zu seinen bekanntesten Werken. In einem Zeitraum von 20 Jahren kehrte Ludwig immer wieder nach Chernobyl zurück, war dabei der erste westliche Fotograf der bis tief in den kontaminierten Reaktor 4 vordrang, und realisierte das Projekt The Long Shadow of Chernobyl über eine Kickstarter Kampagne. Seine Arbeiten zeichnen sich durch ihre Authentizität und Nähe aus. Man erkennt in seinen Bildern, dass er sich Zeit nimmt, dass er nicht auf der Jagd nach einem schnellen Bild ist, um dann sofort wieder weiterzureisen. Ludwig führt uns in seinen Reportagen mit scheinbar zufällige Momentaufnahmen durch die Alltagswelt der Einheimischen. Dabei sind sie das Ergebnis langer Recherchen und keineswegs dem Zufall überlassen. Für seine Arbeiten klettert er schon mal in schwindelerregende Höhen, in einem Kinderheim unter einen kleinen Tisch oder hängt an einem Kabel befestigt aus dem Zug um eine Aufnahme der fahrenden Transsibirischen Eisenbahn zu machen. Ludwig setzt sich intensiv mit dem Thema auseinander. Und er versteht sein Handwerk wie es nur wenige tun. Aber was genau macht seine Fotos so faszinierend und beeindruckend? 

In seinem workshopartigen Vortrag zeigte er nicht nur Einblicke in seine Arbeiten, die er u.a. für National Geographic geleistet hat, sondern vermittelte einen ganzen Vormittag lang die Grundtechniken der Fotografie. Anhand von Analysen seiner Fotos veranschaulichte er welchen Effekt Blende, Tiefenschärfe, Komposition und  Verschlusszeiten auf das Ergebnis haben. 

Heutzutage übernehmen viele dieser Funktionen die Smartphones mit eingebauter künstlicher Intelligenz (KI), die das Motiv erkennt und automatisch einen passenden Filter über das Bild legt. Bei Gesichtserkennung wird sofort in den Portrait-Modus übergegangen, der Hintergrund verschwimmt und die Person scharf im Vordergrund abgebildet. Es gibt unzählige Apps mit ebenso unzähligen Filtern, die selbst ein misslungenes Foto noch aufhübschen und daraus ein gutes Bild machen. 

Bei der Vielzahl an verfügbaren Foto-Apps und Filtern, muss ich dann die Technik der Fotografie überhaupt  erlernen?

Muss ich wissen, was Blende 8 bedeutet um ein gutes Bild zu bekommen? Muss ich wissen, ab welcher Belichtungszeit ich Bewegungen „einfrieren“ kann?

Offensichtlich gibt es ja bestimmte Parameter, die ein Bild gut machen, und mit denen eine künstlichen Intelligenz programmiert werden kann. Bestimmte formale und inhaltliche Kriterien, die den Regeln der Ästhetik folgen und dem westlichen Empfinden für Schönheit entsprechen. Kriterien, die sich in allen Bereichen der Kunst wiederfinden und auch für ihre Bewertung herangezogen werden. Und genau dieses Gespür für Ästhetik kann einem die KI nicht abnehmen, denn es liegt immer noch in der Wahrnehmung des Fotografen sein Motiv zu wählen, den Blickwinkel, die Perspektive. Der Mensch hinter der Kamera wählt, was abgebildet wird, entscheidet darüber, welchen Ausschnitt der Wirklichkeit er konservieren möchten, welche Stimmung er einfangen möchte, welche Realitäten er vermitteln möchte. Um dieses Gespür zu entwickeln benötigt es einerseits ein gewisses Maß an Talent aber auch Übung. Viel Übung, wie bei jedem Handwerk, das erlernt werden möchte.   

Die künstliche Intelligenz in meinem Smartphone, Photoshop, Snapseed und Co sind Hilfsmittel. Sie helfen und unterstützen, können aber nie die Aufgabe des Fotografen selbständig übernehmen. So wie der Handwerker seinen Werkzeugkasten nutzt, verfügt auch die Fotografie über ihre Werkzeuge – diese Werkzeuge dem Fotografen gleichzusetzen, wäre allerdings ein fataler Irrtum und somit beantwortet sich die oben gestellte Frage von selbst. Das Beherrschen und das Wissen über die Techniken der Fotografie sind essentiell für jeden, der nicht nur einen zufällig geglückten Schnappschuss, sondern bewusst authentische und professionelle Bilder machen will. 

Wie in meinem letzten Artikel über Street Photography  schon ausgeführt, ist schnelles agieren oft das Schlüsselelement. Die Beherrschung der Kamera ist dafür Voraussetzung. Ein guter Tischler weiß welches seiner Werkzeuge er wofür einzusetzen hat und muss nicht lange überlegen. 

Doch ist das alles?

Genügt der routinierte Umgang mit der eigenen Kamera und das Wissen um die Technik um ein gutes Bild hervorzubringen?

Leider nicht ganz. 

Die eingangs gestellte Frage ist daher auch nicht ganz so leicht zu beantworten. Zusammenfassend sind neben Erfahrung und dem Wissen über formale und inhaltliche Techniken sowie ein gewisser Sinn für Ästhetik zwar die wesentlichsten Zutaten, jedoch kein Garant für ein gutes Bild. Und wenn ich eines von Gerd Ludwig gelernt habe, dann dass die besten Bilder dann entstehen wenn man sich Zeit nimmt, sich mit dem Thema auseinandersetzt, und mit Herzblut bei der Sache ist.   

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