Golden Brown – oder warum Farbe im Herbst Trumpf ist!

Herbst

Nun ist es also doch wieder passiert. Allerorts färben sich die Blätter der Bäume in den schönsten Rot- Gelb- und Orangetönen und liefern tolle Motive, nicht nur für Naturfotografen. An sonnigen Tagen präsentieren sich farbenprächtige, leuchtende Landschaften, und es erscheint unmöglich diese Zeit des Jahres nicht zum Fotografieren zu nützen. Dankbare Fotomotive soweit das Auge reicht. 

Der Herbst ist auch meine Lieblingsjahreszeit und ich habe die vergangenen Wochenenden ausgiebig dazu genutzt um mal wieder mit meiner Leica Mini analoge Fotos in den nahen Wäldern und in den Weinbergen zu machen. Nicht ohne Grund begegne ich bei meinen ausgedehnten Spaziergängen immer wieder ganzen Gruppen von Hobbyfotografen, die bepackt mit ihren Kamerausrüstungen “auf die Pirsch” gehen.  

Herbst im Park
Buchen, Pappeln und andere Laubbäume bieten im Herbst tolle Fotomotive

Auf Instagram und Pinterest sind herbstliche Postings bereits so zahlreich wie die Blätter, die auf den Boden fallen. Besonders toll und farbenprächtig sind die märchenhaften Landschaftsaufnahmen von Juliamstarr – es lohnt sich auf jeden Fall ihre Seite zu besuchen. Aber auch in den Foto-Blogs finden sich zahlreiche Tipps für “richtig schöne Fotos” im Herbst – wie etwa von Kodak Moments

Aber warum ist fotografieren gerade jetzt so reizvoll? 

Tatsächlich liefert der Oktober eine willkommene Gelegenheit um sich über die Bedeutung der Farbe in der Fotografie ein paar Gedanken zu machen. 

Denn Farben wirken unabhängig vom Motiv. Sie lösen Emotionen aus.  Der Eindruck, den wir von einem Objekt bekommen, einer Atmosphäre, einer Stimmung wird wesentlich von der Farbe bestimmt. Sie beeinflusst wie wir darauf reagieren.

“Farbe ist eine Kraft, die die Seele direkt beeinflusst.”

W. Kandinsky

Das Wissen über die Farbpsychologie und der bewusste Einsatz von Farben kann ein mächtiges Werkzeug in der Bildaussage sein. Es lohnt sich daher einen tieferen Blick darauf zu werfen und ein Gespür dafür zu entwickeln. 

Lebhafte Farben schaffen Spannung, sorgen für Dynamik. Sanfte, gedämpfte Pastelltöne werden eher mit Ruhe und Harmonie assoziiert. Warme Farben wie Orange und Gelb werden als lebendig, sinnlich wahrgenommen. Rot, die wärmste Farbe, ist sehr dominant, und kann selbst als kleines Bildelement schnell die gesamte Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Cyan und Blau sind kühle Farben und wirken kalt, distanziert und mechanisch. Blau ist die dunkelste Farbe im Spektrum. Es ist das kurzwelligste und energiereichste (sichtbare) Licht, das am ehesten gestreut wird. Durch die Lichtstreuung in der Luft “verblauen” Berge in der Ferne. Unser Auge nimmt kurzwelliges Licht auch als entfernter war als langwelligeres (rot). In der Malerei wird dies genutzt und entfernte Berge werden eher in kühlen blauen Tönen gemalt. Wir können den Warm-Kalt Kontrast nutzen um den räumlichen Eindruck zu verstärken. 

Der Einsatz von Farbe erfordert ein sensibles Vorgehen. Ein Bild, dass sich vieler verschiedener Rot- und Grüntönen bedient, kann schnell überladen wirken. Die Konzentration auf das Wesentliche der Bildaussage, auf ein bestimmtes Detail, ist in dem Fall sicherlich der bessere Weg. 

In diesem Zusammenhang ist es hilfreich sich den bekannten Farbkreis, den die meisten aus dem Kunstunterricht in der Schule kennen, in Erinnerung zu rufen. Hier treten Komplementärfarben auf – also jeweils zwei Farben, die sich im Kreis gegenüber stehen und die exakte Gegenfarbe darstellen. In der Mischung ergeben sie ein Grau, weil sie sich aufheben. Rot ist komplementär zu Grün, Gelb zu Violett, Blau zu Orange. 

Viele Forscher, Pädagogen und Maler haben sich im Laufe der Jahrhunderte damit auseinandergesetzt. So veröffentlichte etwa der englische Physiker und Philosoph Isaac Newton 1704 einen Farbkreis nachdem er erkannte, das sich Licht mittels einem Glasprisma in seine Spektralfarben zerlegen lässt. Einen weniger wissenschaftlichen, sondern künstlerischen Zugang fand der Dichter Johann Wolfgang von Goethe, der mit seinem Farbkreis 1810 den Kunstmalern eine Hilfsstellung geben wollte.  Er hatte nach einer Reise das für ihn chaotische Verständnis der Künstler zur Farbe kritisiert und wollte diesem entgegenwirken.  

Farbkreis nach Newton
Der moderne Farbkreis nach Newton
Quelle: wikipedia

Der Einsatz von Komplementärfarben ist auch in der Fotografie ein wirksames Gestaltungsmittel. Damit aber aus dem komplementären Spannungsfeld ein harmonischer Kontrast wird, muss das optische Gewicht der Farben in Balance sein. Gelb und Rot sind wesentlich intensiver als Blau und Grün. Ihr Anteil am Bild sollte daher wesentlich geringer sein. Diese Gewichtung der Farben hat einen wesentlichen Einfluss auf den Bildaufbau – ein starkes Werkzeug, das einen sensiblen und bewussten Einsatz verlangt.

“Es sind Harmonie und Kontrast in den Farben verborgen, die ganz von selbst zusammenwirken.”

V. van Gogh

Dieser Komplementärkontrast beantwortet übrigens die eingangs gestellte Frage, warum gerade der Herbst für die Fotografie so reizvoll ist. Darum wirkt das satte Rot, Orange und Gelb der Buchen, Pappeln und Eichen so lebendig im Kontrast zu dem Blau des Himmels und den noch grünen Wiesen und Hügeln. 

Herbst in Baden
Herbstliches Blätterwerk in Baden

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