Fantasy vs. Reality – oder die Frage nach der Aufgabe der Fotografie

Die Fotografie im Spannungsfeld zwischen Reportage und Kunst

Eines der tollsten Dinge beim LaGacilly Fotofestival in Baden, sind die zahlreichen Vorträge der Fotografen. Wie in meinem letzten Artikel schon berichtet, geben dabei viele renommierte und international anerkannte Künstler Einsichten in ihre Arbeiten und erzählen wie es zu ihren Aufnahmen kam. Einer der eindrucksvollsten Geschichten war dabei jene aus dem letzten Jahr von Burhan Ozbilici und seine Fotoserie vom Attentat auf den russischen Botschafter Andrej Karlow in einer Kunstgalerie in Ankara, Türkei. Seine Serie gewann auch den World Press Photo Award 2017. Ozbilici war zu einer Zeit an einem Ort (ich will hier nicht von richtiger Zeit und richtigem Ort schreiben, immerhin wurde dort jemand ermordet) an dem Zeitgeschichte passierte, und handelte schnell, ohne viel nachzudenken, wie er selbst berichtete. Während sich andere in Panik vor dem Attentäter in Sicherheit brachten, hatte er soviel Fassung (oder Mut?) um auf den Auslöser seiner Kamera zu drücken. Seine Geschichte hatte mich zutiefst beeindruckt. 

Diese Woche besuchte ich zwei Vorträge, die unterschiedlicher kaum hätten sein können und mich auf ebenso unterschiedliche Art und Weise beeindruckten, und mich zum Nachdenken brachten. Denn sie führten mich zu einer Frage, deren Antwort wahrscheinlich ein ganzes Buch füllen könnte. Nämlich, was ist die Aufgabe der Fotografie? 

Kein anderes Medium wird in so unterschiedlichen Zusammenhängen eingesetzt wie die Fotografie. In Reportagen und im Journalismus übernimmt sie eine bedeutende Informationsrolle und ist nicht mehr wegzudenken. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist in Bildern geschrieben. Kaum einer kennt nicht das berühmte Kuss-Foto von Alfred Eisenstaedt, das 1945 am Times Square aufgenommen wurde, am Tag der Kapitulation Japans. Das spätere Cover des Live Magazins, das einen Matrosen zeigt, der eine Krankenschwester im Arm hält und küsst, ist ein Sinnbild für das Ende des 2. Weltkrieges geworden. Und jeder kennt die 1968 von dem Astronauten William Anders gemachte Aufnahme des so genannten Earthrise (deutsch: Erdaufgang) auf dem Mond. (Wer übrigens mehr über das erste Bild der Erde lesen möchte, findet hier einen super interessanten Artikel darüber im Blog von Florian Freistetter.) Diese beiden Beispiele verdeutlichen bereits die Mächtigkeit der Fotografie. Ein einziges Bild, das eine ganze Geschichte erzählt, unvergessliche Momente einfängt und Stellvertreter für eine ganze Epoche werden kann. Längst ist der Fotografie diese Bedeutung auch zugesprochen worden. So hat das Times Magazin in einem jahrelangen Prozess zusammen mit Historikern, Kuratoren und Redakteuren die 100 einflussreichsten Fotografien ausgewählt, die hier zu finden sind. Ein Blick auf die Seite genügt um zu erkennen, dass uns die Fotografie als Ausdruck und Abbild eines Teils der Realität dient, ein Instrument ist, um Missstände aufzuzeigen und sie einer breiten Öffentlichkeit in einer Deutlichkeit zu vermitteln, die das Wort wohl kaum schafft. Dadurch wird die Fotografie zu einem unverzichtbaren Darstellungsmittel in Reportagen.

Die Fotografie ist ein mächtiges Instrument, das Sinnbild einer ganzen Epoche sein kann.

So wie es auch Matjaz Krivic in seiner Serie Lithium Road tat – einer der beiden Vorträge in dieser Woche. Krivic reiste an entlegene Orte in Bolivien (wo das Lithium abgebaut wird), zu riesigen Produktionsstätten nach China, bis nach Norwegen um zu zeigen, wie die Elektrifizierung die treibende Kraft des 21. Jahrhunderts geworden ist. Seine Arbeit zeigt, dass die Trendwende in der Energie und die Forderung nach clean energy ebenfalls ihren Preis hat und nicht ohne Sünden ist, da sowohl Politik als auch die weltweit agierenden Firmen ihren Vorteil und ihren Anteil als Zukunftssicherung behalten wollen- und dies nicht ohne Risiken und leider auch zum Schaden der Umwelt. 

Während uns die Fotos von Krivic die harten Fakten der Realität vor Augen führen, entführen die Bilder von Karen Knorr in eine Welt der Fantasie, die an 1001 Nacht erinnern. In direktem Kontrast mit den Reportagefotos wirken ihre Werke noch verträumter, noch entrückter.

Knorr's Fabeln am Theaterplatz in Baden
Ein Bild aus Karen Knorrs Fabel Serie am Theatherplatz in Baden bei Wien

Knorr fand ihren Anfang ebenfalls in Reportagen. Allerdings zu einem ganz anderen Thema: sie tauchte Ende der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts in die Punk-Szene Londons ein und lieferte zusammen mit Olivier Richon ein ästhetisches Porträt des Lebensgefühls von damals. In ihren aktuellen Arbeiten hingegen entwirft Knorr fiktive Szenen, indem sie unechte Tiere an unerwartete Orte platziert, und so einen neuen, unwirklichen Raum schafft, der an orientalische Märchen erinnert, an Fabeln (was auch der passende Titel der Serie ist). Auszüge dieser Serie sind beim Fotofestival in Baden in beeindruckenden Großformaten zu sehen. 

Durch diesen künstlerischen Zugang zur Fotografie, der sich in weiteren, folgenden Arbeiten wie ein roter Faden durchzieht, ist die Künstlerin weit davon entfernt uns die Realität zu zeigen, ganz im Gegenteil schafft sie doch etwas gänzlich Neues.  

Kunst ist dazu da, den Staub des Alltags von der Seele zu waschen.

Picasso

Kunst berührt seit jeher unsere Seelen und “ist dazu da, den Staub des Alltags von der Seele zu waschen”, wie Pablo Picasso erkannte. Es ist offensichtlich, dass dies diametral zu den dokumentarischen Serien steht und eine gänzlich andere Aufgabe erfüllt. Und auch dies vermag die Fotografie zu vermitteln. Der Einfluss der Bildenden Kunst auf die Fotografie machte sich schon früh bemerkbar. Man Ray begann fotografisch zu experimentieren, als er merkte, dass sein malerisches Talent nicht an die großen Künstler seiner Zeit heran kam. Und Andy Warhol schaffte mit seinen Polaroid Porträts nicht nur einen künstlerischen Wert sondern auch (unbewußt?) Zeitzeugnisse einer ganzen Ära. Dies zeigt, dass die Grenzen verschwinden können. Künstlerische Werke können dann zu historische Dokumente werden, und einstige Reportagen, wie dem Kuss-Foto kann durchaus auch ein künstlerischer Wert zugesprochen werden. Das macht Fotografie zu einem ganz spannenden Medium, dem es sich lohnt, sich zuzuwenden. 


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